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Caritas-Mitarbeiter im Gespräch mit einer alten Dame
Sozialcourage Interview

„Fläche ist einfach eine knappe Ressource, die endlich ist.“

In den vergangenen Jahren wurde viel zu wenig gebaut. Nun legen viele Gemeinden nach, weisen Flächen aus, verdichten nach, um der Wohnungsnot Herr zu werden. Die Kehrseite der Medaille: Städte verlieren mit Grün auch Lebensqualität. Henry Wilke vom Nabu Deutschland erklärt im Interview, wie sinnvolle Stadtentwicklung aussehen kann.

Schwarz-weiß-Portrait eines Mannes mit BrilleHenry Wilke vom Nabu sagt: "Innenstädte sind teils flächendeckend zubetoniert, das ist gerade in Zeiten von Extremwetterereignissen problematisch."Sevens + Maltry

In Deutschland fehlen laut Immobilienwirtschaft eine Million Wohnungen, besonders in Ballungsräumen. Geht der Bau von Wohnraum auf Kosten lebenswerter Städte?

Nicht zwangsläufig. Er stellt natürlich eine Herausforderung an die Städte dar, aber grundsätzlich lebenswert ist es ja nicht nur auf dem Land. Das Raumordnungsgesetz spricht von "gleichwertigen" Lebensverhältnissen. Jeder Raum hat seine Vor- und Nachteile, und es besteht der Anspruch, überall einen hohen Lebensstandard zu gewährleisten.

Wie kann man eine Stadt schonender nachverdichten?

Es geht immer darum, die Grünflächen zu schützen, aufzuwerten und weiterzuentwickeln. Horizontale Nachverdichtung bedeutet, dass man etwa Baulücken aus dem Krieg auffüllt, aber dabei wegfallende Grünflächen möglichst anderweitig ersetzt. Siedlungen der Nachkriegszeit wurden sehr locker gebaut. Da kann man ebenfalls behutsam nachverdichten und monotone Rasenflächen durch soziale Nutzungen und andere Bepflanzung aufwerten. Das dient auch der Artenvielfalt. Vertikale Nachverdichtung hingegen meint zum Beispiel, dass man Gebäude aufstockt. Dachgeschossaufbauten sind nicht billig, senken aber den Flächenverbrauch. Eingeschossige Supermärkte benötigen viel Fläche. Besser sind Mehrfamilienhäuser mit Verkaufsraum im Erdgeschoss. Auch das Baumaterial ist wichtig: Stahl und Glas heizen sich auf und bieten kaum Flächen für Tiere, anders als Naturstein.

Was ist so problematisch beim Flächenverbrauch?

Der Boden erfüllt für das Ökosystem eine sehr wichtige Funktion. Er nimmt Wasser auf und reguliert so den Grundwasserhaushalt. Wird er mit Beton versiegelt, kann er kein Wasser mehr aufnehmen. Die Innenstädte sind teils flächendeckend zubetoniert, das ist gerade in Zeiten von Extremwetterereignissen problematisch. Außerdem ist Fläche einfach eine knappe Ressource, die endlich ist. Sie ist kein Produkt, das wir im Supermarkt nachkaufen können. Trotzdem konsumieren wir sie: indem wir Einfamilienhäuser bauen, indem wir von der Drei- in die Fünfzimmerwohnung ziehen, indem die Ansprüche an unsere Wohnfläche immer größer werden.

Der Nabu setzt sich für eine Reform der Grundsteuer ein. Warum?

Das Problem ist, dass bei der "Grundsteuer B für bebaubare und bebaute Grundstücke" sowohl der Boden besteuert wird als auch das Gebäude, das daraufsteht. Wir wollen, dass die Grundsteuer zu einer reinen Bodensteuer wird. Denn heute zahlt man für ein Grundstück mit Wohngebäude eine höhere Grundsteuer als für eines, das leersteht. Das macht es unattraktiv, es zu bebauen. Wir fordern, dass man für beide das Gleiche zahlt, um Anreize zu schaffen, flächensparend nachzuverdichten.

Autor/in:

  • Ingrid Jehne
Sozialcourage Ausgabe Sozialcourage, Spezial/2018: caritas.de
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